27 december 2018, Midwinteraovend

 

 

Drs. Sebastiaan Cobelens
Het weer in Achterhoek-Westmünsterland gedurende de afgelopen 200 jaar.

Cobelens Midwinteraovend 2018














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Doris Homolka
liest Geschichten von Egon Reiche

Newwel öwwer de Grenze von Egon Reiche

Van Kind up an fööl ik en Vertwang, bej Newwel, dikken Mutt, spazeern to gaon. „Kin eene kann mej seen“ nömt sik min Spöll, dat ik vandage noch bedriewe. In de Stadt, för‘t íerste, fööl ik mej händig de Müürn längs, un mine Fööte passt up, wor‘t Trottoar to Ende geet. Nao de lesten Hüüser wörd et düster in denn witten Newwel. Up mine Hande, Fööte, Oogen is mor noch en Its Verlaot. Mor mine Uume bünt so spitz, as Spitzhunde se up Fotos präsenteeit. Ik hör fiftig Meter wiet, wann mine Oogen mor för fiewe döggt. Dat Krao, Krao, Krao van de olde Kraie wiest mej en Wegg up de Schossee. Dor sit se, in de hoogen Pöppeln, bowwen in en  Topp, süng et eenzig Leed, wat se kennt, trurig in Moll, dat se no nich fleegen kann. „Danke för’t Weggwiesen, olde Kraie“, roop ik in denn weeken Mutt. So as ik ör, sall se mej ook wall hörn, aone dat eene en annern süüt.

Et Gelüüd van’e Kerkenklokke schläöt stump van ganz wiet an min Uur. Newwel häff kin Gefööl för Akustik, hüng et Land met witte Dööke to, will alles för sik behollen. Ik praote met mej sölws. Dump un frömd klüng mine Stimme, as wann se dör en Sewwe geet.

Wor bün ik? Met vörgehollene Hande, dat ik nörgens anraake, fööl ik mej dör't Land. Ik fööl de roue Bäste van de olden Soldaoten, Wachtlöö an de Grenze, hunnertjööríge Eeken, eene nao de annere, upgereit as Perlen an de Kette. Ik weet, wor ik bün. Rechts mut ik mej hollen. Links is de Grenze. Kommiesen an beide Kanten. Se könnt mej för en Schmuggler hollen. Of se mej gewaar wird, in denn dichten Mutt? Bünt Schmugglers unnerweggs, bej so”n Weer? An°t Ende sit de Kommiesen achter‘n Owwend un waocht up klore Dage? Ör Werk is Oogenwerk. Un öre Hölpers, de Hunde, dreit sik in‘n Kring, stäkt öre Nösen in denn Mutt, ruukt niks as Fuchtigkeit un gaot nich vör noch tügge.

Ik bün alleen. Alleen in ‘t wiede Land, in mine kleine Welt. Drej Tratt achter mej begünnt se, drej Tratt vör mej is se an‘t Ende un toch nich an‘t Ende. Se geet met mej, längs de Müürn, längs de Eeken, längs en Grawen, un stao ik still, steet se ook still. Se geet met mej in't Nüst van weeke witte Watte, höllt alles Kwaode van mej, laot Afgunst-Oogen mej nich seen.

Ik komm vöran. Dor trött min Been in’t kolde Water van’e Bäke. Hier loop ik twaddelig öwwer Steene. De afgebrokkene Schüüre häbbt se in den weeken Sandwegg inepakkt. No hölt mej, pottverdommi, eene faste. Ik schrikk tosamen. Gott Dank, et bünt mor Dürne van’e Brömmelbääsenbuss. Öwwer mej hör ik weer Kraien kraien, se häbbt sik bowwen in de Bööme fastesat. De eenzigen Vöggel, de in düsse blinde Welt ören Schnabel nich hollen könnt. En Weidendraot, en Hekke, wat mine Hande föölt. Et ssoppt en bettken unner mine Fööte. Dat bünt de läägen Weiden, et Vääne, hier geet et up de Grenze to. „Pass up, holl dej mehr rechts“, sägg ik to mej. Links liggt de Nederlande. Ik häbb kin Visum, kine Pass dorbej.

Et kolde Water in de natte Grund sprüng mej in de Schoo. Min Jass is natt enewwelt. Up mine Hoore häff den fienen Mutt sine Waterkumme uteschütt. Fuchtigkeit is up min Gesicht. Ik gao un gao, de läägen Weiden nemmt kin Ende. No en Draot. Ik krupp drunner hen. En Grawen. Wej springt dröwwer hen, denn Newwel un ik. Et geet ne Tratt bergan. De Grund is week. Il bün up‘t freje Feld, loop höltern in‘e Foore. Breedbeenig, för jedes Been ne eegene Foore, dortüssen Bülten Sand. Et geet líekut, so as en Bur eplöögt häff. Nich links, nich rechts, wor komm ik hen? No häbb ik niks meer, wor ik mej an hollen kann. Kine Müüm, kine Boom, ' kin Hekke, kine Draot. De Kraien, wiet achter mej, könnt mej en Wegg nich wiesen. Et bräöch mej niks, de Hande vör to hollen. Dor is niks. Nich äs ne Staake, de en Bur up't Land vergäten häff, met de ik vör mej he nun her weihen kann, as Blinden dot, to föölen, of dor wat ist. Villicht mäk de Foore jao ne Boggen. Nao rechts? Dat was de rechte Richte. Nao links? Dat is nich minen Wegg. Mag ik mej up de gün

Ik bün alleen, fóöl mej alleen, in mine kleine Welt. Bo wiet noch mag denn Newwel met mej gaon? Sall ik mej ümmdrein? Find ik en Wegg nao Hus? Ik bliewe staon, nemm beide Hande an’n Mund un roop: „Hallo, hallo, is dor eene?“ Denn Mutt nümp mine Wurde in‘n Arm, drükkt se kapott. Ik denk, wiet is min Roopen nich ekommen.

Ik gao vöran. Will düssen Wegg nich enden? Toch, wat is dat? Häff örgendeene mine Stimme hört? Et is, as wann dor eene denn Newwel utenanner bögg. Ik loop gäuer. Mine Muttkamer wörde grötter un grötter. Dat fuchte Spinnennüst bliw achter mej trügge.

Un no, en gülden Straol van bowwen. Is dat de Sunne, de denn Newwel frätt? Ik nemm de Beene in de Hande, stao schlierlok an’t Ende van dat groote Feld.

Vör mej en Burnhus in rod un gröne Klören, de Raamens witt un bowwen, de Windfeer blau. So bunt, dat mut en hollands Bumhus wessen. Dor achter, up en kleinen Bülten, dreit sik gemäklik de Flögels van‘e Windmölle. De Sunne schient. Ik bün gans stolt. Ik häbb denn Mutt kapott eloopen, so as ik’t alltieds do. No bün ik in de Nederlande, dor güw et niks to fraogen.

Wat do ik no? Weer trügge öwwer de gröne Grenze? Dat de Kommiesen an't Ende up mej scheet? Nää ! Ik will mej an de günnie Kante inkwateern un waochten, bis en Newwel trügge kümp.


Gisbert Strotdrees
Oude weer- en boerenregels: Weten zij meer te vertellen, dan wij denken?

Copyright 2018: Gisbert Strotdrees, Münster – Abdruck mit Erlaubnis des Autors.  

Wer sich über das Wetter der nächsten Tage informieren will, hat es heutzutage leicht. Er greift zum Handy, öffnet die entsprechende App – und kann sich das Wetter präzise vorhersagen lassen. Wem das nicht reicht, der hat noch tausende andere Möglichkeiten: Fernsehen, Radio und Tageszeitungen alle veröffentlichen Prognosen, die für die nächsten 24 Stunden recht genau sind, sowie einen Ausblick auf die folgenden drei, fünf oder sieben Tage. Außerdem kann jeder ohne großen Aufwand via Internet alles Erwünschte abrufen: Tages- und Wochenvorhersagen, Reisewetterbericht, Straßenwettervorhersage, Seewetterbericht für die Nord- und Ostseeküsten, Wetterbericht für Segelflieger, medizinmeteorologische Hinweise und natürlich die Witterungshinweise für die Landwirtschaft.

Denken wir uns das alles weg. Versetzen wir uns 200 Jahre zurück. Stellen wir uns einen münsterländischen Bauern vor, der anno 1794 seinen Acker im Früh-jahr bestellen will. Schlepper und Sämaschine hat er nicht; seine Egge ist denkbar dürftig. Ohne mechanische Helfer erfordert die Frühjahrsbestellung Zeit — mitunter mehrere Tage, an denen der Boden nicht zu nass und nicht zu trocken sein darf. Wie stellt es so ein Landwirt vor 200 Jahren an, den passenden Tag mit dem passenden Wetter zu erwischen?

Offensichtlich gab es damals im Münsterland nicht wenige Landwirte, die Jahr für Jahr einen festen Kalendertag für die Feldbestellung vormerkten. Denn wie sonst wäre die Empfehlung, ja die Mahnung des Münsteraner Jesuiten Anton Bruchausen (1735-1815) zu verstehen? Er schreibt in seiner 1790 in Münster erschienenen und 1793 ins Niederländische übersetzten "Anweisung zur Verbesserung des Ackerbaues und der Landwirthschaft des Münsterlandes", einem der ersten landwirtschaftlichen Lehrbücher Westfalens:

"Man binde sich nicht beym Säen an einen gewissen Tag. Denn das ist Aberglaube. Auch richte man sich nicht nach dem Kalender. Denn die Kalendermacher verstehen nichts vom Ackerbaue und (von) zukünftigem Wetter."
Stattdessen rät Bruchausen den Landwirten, sich auf ihren Verstand, auf ihre Beobachtung zu verlassen und er rät ihnen, den Acker für die Aussaat optimal vorzubereiten, dann könne schon nichts schiefgehen: "Einen schönen Tag aber und recht gutes, trockenes Wetter, ein gehörig mürbes, durchgearbeitetes, ziemlich feuchtes Land zum Einsäen wählen, das ist kein Aberglaube, das ist vernünftig, nützlich und nothwendig."

Die von Bruchausen attackierte Unsitte ist nicht die einzige Methode, mit denen die Bauern des 18. Jahrhunderts versuchen, einen Blick in die Zukunft des Wetters zu werfen — ja sogar Wetter zu "machen", also irgendwie zu lenken. Mitunter greifen die Bauern damals zu recht zweifelhaften Methoden, durchtränkt von Spökenkiekerei und Aberglauben. Ich komme gleich darauf.

Auf der anderen Seite entwickeln die Menschen auf dem Land über Generationen hinweg Regeln der Wetterprognose, die sich auf langjährige Wetterbeobachtung gründen.  Diese Bauernregeln sind zu einem ansehnlichen Teil nicht einfach als Volksaberglauben abzutun. Vielmehr erweisen sich zwar nicht alle, aber doch viele überlieferte Regeln bei näherem Hinsehen noch heute als anerkennenswert.

1. Volksmagie, "Bauernpraktik" und "Hundertjähriger Kalender"

Bauern sind seit je auf Gedeih und Verderb dem Wetter ausgeliefert. Dem Geschehen können sie nicht "ins Rad greifen". Gleichwohl probiert es die ländliche Bevölkerung früherer Jahrhunderte stets auf's Neue: durch religiöse Bräuche wie Regenbittgottesdienste, Flurumgänge und Wettersegen, durch Hagelprozessionen oder die Verehrung besonderer Wetterschutzheiliger. Ursprünglich bitten die Menschen dabei um Segen und Schutz gegen Unwetter. Diese Bräu-che vermengten sich mit volksmagischen Vorstellungen: Man glaubte, durch Gottesdienste und Flurumgänge das Wetter auch tatsächlich beeinflussen zu können. Die Vorstellung spiegelt sich etwa auch in dem Brauch, besondere Wetterglocken zu läuten, um Hagel und Gewitter abzuwenden und notfalls ins Nachbardorf zu schicken. Als Beispiel sei die Inschrift einer 1517 gegossenen Glocke in der Schöppinger Kirche St. Brictius zitiert. Auf ihr steht wörtlich:

"Salvator is min name / min gheluit si gode bequame (wohlgefallen)  / de levendighen roep ick / de doden beschreig ick / hagel un donder verstur ick." (Übersetzt etwa: „Salvator“ ist mein Name, mein Geläut sei Gott wohlgefallen, die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, Hagel und Donner vertreibe ich.) Das ist sozusagen eine in Bronze gegossene Legierung aus christlichem Bekenntnis und ländlicher Volksfrömmigkeit, die von magischen Vorstellungen geprägt ist eine Mischung, die die Kirche damals offensichtlich stützt, zumindest aber nicht verhindert. Andernfalls hätten die Schöppinger so eine Glocke wohl kaum im Kirchturm aufhängen können.

Auch "Wettermacher" treten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in den Dörfern und Landgemeinden Westfalens auf. Sie, so urteilt der eingangs genannte Jesuit Anton Bruchausen 1790, seien „Ertzschelmen und Betrüger, welche die eben erzählten Sachen nicht ausrichten, auch nichts mehr machen können, als andere ehrliche Leute: denn sie haben keine größere Kraft als andere von Gott emp-fangen".

Das seinerzeit wohl einleuchtendste Argument gegen Volksmagie und "Wettermacherei" war natürlich das Wetter selbst. Denn immer wieder erlebten die Menschen, dass sie Hagelschauer und schwere Gewitter, trockendürre oder verregnete Sommer nicht verhindern können.

Wenn das schon nicht gehe, so folgerten Wetterkundige bereits gegen Ausgang des Mittelalters, dann müsse man doch immerhin versuchen, sich möglichst frühzeitig auf heraufziehendes Unwetter einzustellen. Aus dieser Erkenntnis heraus wurden etwa seit dem 15. Jahrhundert Methoden entwickelt, das Ge-schehen am Himmel genau zu beobachten und fortzuschreiben: für den nächsten Tag, die nächste Woche, ja sogar für die nächsten Jahre und Jahrhunderte.

Eine dieser Methoden war die "Bauernpraktik". Dabei wurde das Wetter der "Zwölf heiligen Tage und Nächte" genauestens beobachtet — jener Tage also zwischen dem Ersten Weihnachtstag und dem 6. Januar, dem kirchlichen Festtag der Heiligen Drei Könige. Jeder Tag stand dabei für einen Monat des kommenden Jahres: Der 25. Dezember für den Januar, der 26. Dezember für den Februar und so fort. Die Methode wurde erstmals 1508 beschrieben in einem Buch mit dem Titel: "Pauren Practik vnnd regel darauff sy das gantz ja ain auffmercken haben vnnd halten". Diese "Bauernpraktik" - und so wird seither die 12-Tage-Methode auch benannt - erlebt bis zum Jahr 1800 fast sechzig Neuauflagen.

Dass die Methode auf reinem Aberglauben gründet, braucht nicht betont zu werden. Das Wetter richtet sich nun einmal nicht nach den Kalendermachern. Es wiederholt sich auch nicht in mathematisch exakten Rhythmen wie etwa alle sieben, zwölf oder hundert Jahre. Aus diesem Grund ist auch der "Hundertjährige Kalender" nichts als Wetteraberglauben. Er hat seine eigene verwickelte Geschichte, die hier nur angedeutet werden kann:

Der Kalender geht auf die durchaus interessanten Beobachtungen von Moritz Knauer (1613-1664) zurück, Abt des Klosters Langheim im Bistum Bamberg. Ein geschäftstüchtiger Arzt aus Erfurt hat die Aufzeichnungen des Abtes drucken lassen. Durch ein Versehen des Setzers geriet der Text durcheinander. Später wurde der Text noch mehrmals umgeschrieben und damit bis zur Unkenntlich-keit entstellt. Und als ob das alles nicht gereicht hätte: Abt Knauer hatte seinem Kalender eine Planetentafel von 1600 bis 1912 beigefügt. Spätere Drucke kürz-ten die Tabelle auf die Jahre 1701 bis 1800, also auf hundert Jahre. Daher erst stammt der Name "Hundertjähriger Kalender". Mit den ursprünglichen Aufzeichnungen des Abtes hatte der "100jährige" am Ende nichts mehr gemein. Die Aufzeichnungen des Abtes wurden erst in den 1930er Jahren wiederent-deckt und später als "Echter Hundertjähriger Kalender" publiziert.

Doch ob Original oder Fälschung: Für die Wettervorhersage ist der "Hundertjährige" wertlos. Denn wie gesagt: Das Wettergeschehen wiederholt sich nicht, schon gar nicht regelmäßig alle 7 bzw. 100 Jahre, wie es der Kalender behauptet. Jeder Treffer ist rein zufällig. Der Erfurter Arzt und Herausgeber des ersten "Hundertjährigen Kalenders" scheint das geahnt zu haben. Jedenfalls lässt er in der Erstausgabe folgende Ausrede abdrucken:

"Trifft nicht alles auf ein Nägelein zu, so wird sich doch das meiste befinden. Doch ist dem allmächtigen Gott hierinnen kein Ziel und Maß vorzuschreiben. Wenn Er um unserer Sünden willen strafen will, so geschieht es wider den natürlichen Lauf."

"Vormoderne" Wetterprognose durch Beobachtung: Die Bauernregeln

Auch die Bauernregeln wagen einen Blick zum Himmel und eine Wettervorschau. Über diese Bauernregeln - zumindest über einen Teil von ihnen - ist damit längst nicht der Stab gebrochen, auch wenn es üblich geworden ist, den sattsam bekannten Spruch zu zitieren: "Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter — oder es bleibt, wie es ist!"

Horst Malberg, Wetterwissenschaftler in Berlin, hat sich eingehend mit allen Spielarten der bäuerlichen Wettervorhersage beschäftigt. Er ist dabei zu inte-ressanten Ergebnissen gekommen. Es gibt Bauernregeln, so Malberg, die von Generation zu Generation weitergeben wurden und sich auf einer sehr guten, oft jahrhundertelangen Wetterbeobachtung gründen.

Als erstes nennt er Wetterregeln, die eine Prognose für die nächsten Stunden und Tage geben. Zum Beispiel kündigt sich heranziehendes Unwetter oft mit wechselhaften Sturmböen an. Nichts anderes besagt die Regel: "Dreht zweimal sich der Wetterhahn, so zeigt er Sturm und Regen an."

Von den sommerlichen Schäfchenwolken heißt es: "Je weißer die Schäfchen am Himmel gehen, desto länger bleibt das Wetter schön." Malberg erläutert zustimmend: "Schäfchenwolken entwickeln sich in Gebieten mit Hochdruckeinfluss. Die aufsteigende erwärmte Luft wird dabei von dem Hoch gebremst, so dass die Wolken meist nicht so mächtig werden, dass sie Regen bringen. Weiße Schäfchenwolken zeigen also an, dass es in den nächsten Stunden trocken bleiben wird."

Am interessantesten sind für Horst Malberg die sogenannten "Witterungsregeln" — Bauernregeln also, die das Wetter für mehrere Tage, ja sogar Wochen voraussagen.

Horst Malberg hat versucht, ihre Trefferquote zu überprüfen. Dazu hat er Wetterdaten ausgewertet, die seit 1908 von der Wetterstation in Berlin-Dahlem gesammelt wurden. Manchmal auch hat er auf Aufzeichnungen zurückgegriffen, die in Deutschland bis auf das Jahr 1720 zurückgehen. Und dann hat er ausgezählt, gerechnet und verglichen ­ mit Hilfe des Computers.

Natürlich weiß der Wissenschaftler, dass manche Regeln aus ganz anderen Regionen stammen als seine greifbaren Wetterdaten. Natürlich weiß er auch, dass sich bei der mündlichen und schriftlichen Überlieferung Fehler eingeschlichen haben und dass mittelalterliche Regeln mit besonderer Vorsicht zu genießen sind, weil die Kalenderzählung seither verändert worden ist. Dennoch ist Horst Malberg zum Teil auf erstaunliche Ergebnisse gekommen:

1. So gibt es beispielsweise die Bauernregel: "Ist bis Dreikönigstag kein Winter, so kommt auch keiner mehr dahinter." Malbergs Zählung ergab dazu: In all den Fällen, in denen der Dezember sowie die Tage vor dem Dreikönigstag (6. Januar) wärmer waren als der Durchschnitt, blieb auch in 70 Prozent der Fälle der Januar zu warm; in 60 Prozent blieb auch noch der Februar zu warm.

2. Ähnlich eine weitere Regel: "Friert es auf Vigilius (31. Januar), im Märzen Kälte kommen muss." Diese Regel weist nach den Auszählungen Malbergs eine Trefferquote von 65 Prozent auf. In zwei von drei Jahren führt sie also laut Malberg zu einer richtigen Prognose.

3. Besonders aufmerksam verfolgten die Bauern früher das Wetter am Tag „Mariä Lichtmess“, also am 2. Februar. An diesem Tag, so eine alte Vorstellung, wurde über die Witterung der kommenden Wochen und Monate "das Los ge-worfen". Lichtmeßtag galt als "Lostag". Für diesen Tag gibt es eine Menge alter Witterungsregeln. Da heißt es beispielsweise: "Scheint an Lichtmess die Sonne heiß, kommt noch sehr viel Schnee und Eis." Horst Malberg fand heraus: Wenn um Lichtmess überdurchschnittlich sonniges Wetter herrscht, so ist mit 67 Prozent für Februar und März zusammen eine übernormal hohe Zahl von Frosttagen zu erwarten.

Der Berliner Wetterwissenschaftler erklärt das Phänomen folgendermaßen: "Ist es Anfang Februar sonnig, so bleibt Hochdruckeinfluss in der Regel noch längere Zeit erhalten. Hoher Luftdruck im Winter bedeuten aber zum einen die Zufuhr von Festlandskaltluft aus Osteuropa und Sibirien und zum anderen bei klarem Himmel kräftige Nachtfröste, vor allem wenn Schnee liegt." Dann also bleibt es in der Regel kalt.

4. Ein anderes bekanntes Beispiel für einen Lostag ist der Martinstag, der 11. November. In früheren Jahrhunderten war das für die Bauern ein ganz beson-derer Zahl- und Abgabentag. Der Deutsche Wetterdienst weist auf seiner Inter-netseite auf folgendes hin: Laut Bauernregel weist Nebel am Martinstag auf einen milden Winter. Diese Regel, so der Wetterdienst weiter, trifft in sechs bis sieben von zehn Fällen zu. Und weiter: „Besitzen darüber hinaus die Folgetage vom 19. bis 23.11. ebenfalls einen feucht-trüben Wettercharakter, so liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der folgende Winter mild wird, bei 75%.“

5. Eine der erstaunlichsten Regeln hat erst kürzlich, Ende Oktober 2018, der Deutsche Wetterdienst auf seiner Internetseite aufmerksam gemacht:

„Warmer Oktober bringt fürwahr / stets einen kalten Januar (Februar).‘ Statistisch gesehen ist an der oben genannten Bauernregel - nur auf die Temperatur bezogen - nicht viel dran. Wenn man in der Statistik allerdings die Jahre be-trachtet, in denen der Oktober zu warm und auch zu trocken war, so folgt in 90 % der Fälle (also in 9 von 10 Jahren) ein überdurchschnittlich kalter Januar und in 65 % der Fälle auch ein zu kalter Februar. Ursächlich für schönes und warmes Oktoberwetter, ist eine länger anhaltende Hochdrucklage unter Zufuhr von trockener Warmluft, wie wir sie lange in diesem Herbst hatten. Laut Statistik kehrt die Großwetterlage aus dem Oktober oftmals im darauf folgenden Januar wieder. Hochdruck im Januar bedeutet allerdings meistens Kälte. Geht man von der hohen Trefferquote dieser Bauernregel aus, so könnte man für den kommenden Januar (2019) eine Hochdrucklage mit Kälte annehmen.“

6. Eine andere Regel, die immer wieder zitiert wird, bezieht sich auf den Siebenschläfertag (27. Juni), einen der bekanntesten Lostage im Jahr: "Regnet es am Siebenschläfertag, es noch sieben Wochen regnen mag."

Dazu noch einmal die Ergebnisse von Horst Malberg: Nach allgemein regnerischen Tagen um den Siebenschläfer fielen in den untersuchten Jahren die sieben folgenden Wochen ebenfalls ins Wasser — jedenfalls mit 61 Prozent Wahrscheinlichkeit für ganz Deutschland. Größer ist die Wahrscheinlichkeit auf den süddeutschen Raum. Dazu noch einmal der Deutsche Wetterdienst: „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Witterung, wie sie Ende Juni/Anfang Juli auftritt, auch in den darauffolgenden Wochen bestehen bleibt, liegt in Süddeutschland bei bis zu 70%.“

Schluss

Kann man mit diesen Auswertungen überhaupt etwas anfangen? Eine Trefferquote von 90 % ist ja durchaus beeindruckend, aber „bis zu 70 %“? Oder „61 %“, also über den Daumen sechs richtige Treffer neben vier falschen? Könnte man nicht genauso gut zufällig tippen?  Horst Malberg ist anderer Meinung: "Gerade die Regeln mit der geringen Trefferquote um 60 % sind es, die die hervorragende Naturbeobachtung unserer Vorfahren beweisen, denn diese Zusammenhänge sind viel schwerer in der verwirrenden Vielzahl von Wetterer-eignissen zu erkennen als die Regeln mit hoher Eintreffwahrscheinlichkeit."

Und der Deutsche Wetterdienst schrieb erst kürzlich zu den Lostagen: „Solange man bei Lostagen die Witterung und Großwetterlage in einem Zeitraum betrachtet, ist diese Vorgehensweise in vielen Fällen sowie großräumig gesehen immerhin besser als eine Zufallsaussage.“

Zieht man also ein Fazit, so könnte man sagen: Bauernregeln sind nicht besser als die moderne Wetterforschung, aber viele (nicht alle!) sind besser als ihr Ruf und gründen auf die Beobachtung von Abläufen in der Natur über Generationen hinweg. Den voreiligen Spott der "Nachgeborenen" jedenfalls haben viele der überlieferten Wetter- und Witterungsregeln nicht verdient.
 

Literatur:

Hans Günther Körber: Vom Wetteraberglauben zur Wetterforschung. Aus Geschichte und Kulturgeschichte der Meteorologie. Leipzig / Innsbruck / Frankfurt am Main 1987.

Horst Malberg: Bauernregeln aus meteorologischer Sicht. 2. erweiterte Auflage. Berlin /Heidelberg / New York 1993.

Paul Münch: Lebensformen in der Frühen Neuzeit 1500 bis 1800. Frankfurt / Berlin 1992 (Zum Thema Landbevölkerung und Wetter das Kapitel: Mensch und Klima, S. 127-154).

Tello Wilamowitz-Moellendorff: Über den Hundertjährigen Kalender. In: Berichte über Landwirtschaft, 70 (1992), S: 656­667.

Zu Bauernregeln allgemein: www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2016/9/17.html
Zur Bauernregel „Warmer Oktober – warmer Januar“: www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2018/10/29.html


Ria Olijslager
Gesmolten as ’n päksken botter